Göttingen: Hausdurchsuchung in linker WG

Polizei in Göttingen auf den Hund gekommen!?

Am vergangenen Mittwoch durchsuchten PolizeibeamtInnen ein linkes Wohnprojekt in der Roten Straße. Hintergrund der Aktion war der Brand in einer Teeküche des Göttinger Kreishauses am Morgen des 22. Januar. Die Polizei sprach von einem Brandanschlag auf die Ausländerbehörde des Kreishauses und vermutete einen politischen Hintergrund. Am Mittwoch setzte die Polizei nun einen Spürhund ein, der am Tatort „Witterung aufnahm“ und dann schnurstracks die BeamtInnen zu dem von Linken bewohnten Hausprojekt führte. Ein eilig beschaffter Durchsuchungsbeschluss eröffnete den ErmittlerInnen die Möglichkeit zuzuschlagen.

Die Rote Straße wurde von einem Großaufgebot von Einsatzkräften abgesperrt, während die Räumlichkeiten des Hauses durchsucht wurden. Auch hier kam wieder der Spürhund zum Einsatz, laut Polizeiangaben habe er in den Räumen „angeschlagen“. Stichhaltige Beweise wurden anscheinend nicht gefunden, beschlagnahmt wurden jedoch mehrere Computer, die anwesenden BewohnerInnen wurden nicht in Gewahrsam bzw. festgenommen.

Nach der Hausdurchsuchung

Noch während der Polizeiaktion versammelten sich solidarische Menschen an der Polizeiabsperrung und protestierten gegen die Maßnahme. Anschließend gab es eine Spontandemonstration durch die Innenstadt, es gab einige Ingewahrsamnahmen durch die Polizei.

Zeitgleich fand im alten Rathaus ein Konzert zum Holocaust-Gedenktag mit Esther Bejarano und der Band Microphone Mafia statt. Die Polizei belagerte das Rathaus mit zahlreichen Einsatzwagen und soll Personen gefilmt haben, die das Konzert verließen.

Einige Links zum Weiterlesen

Bei Monsters of Göttingen gibt es einen sehr guten Überblick über die einzelnen Ereignisse:

  • „Spekulationen und Vorverurteilungen: Feuer in der Ausländerbehörde“ [Link]
  • „Hausdurchsuchung in der Roten Straße“ [Link]
  • „Nach Durchsuchungen: Kritik am Vorgehen der Polizei“ [Link]
  • „Hausdurchsuchung: Das sagt die Polizei“ [Link]

Die BewohnerInnen des betroffenen Hauses in der Roten Straße haben eine Pressemitteilung veröffentlicht:

  • „Pressemitteilung zur Hausdurchsuchung in der Roten Straße am 27. Januar 2010″ [Link]

Das Bündnis Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – 27. Januar hat ebenfalls eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der das Verhalten der Polizei hinsichtlich der Holocaust-Gedenkveranstaltung aufs Schärfste kritisiert wird:

  • „Göttinger Polizei schikaniert Gäste der Gedenkveranstaltung zur Befreiung des KZ Auschwitz“ [Link]

Die Gruppe Gegenstrom hat ebenfalls einen Beitrag veröffentlicht, hier findet sich noch eine umfangreiche Linksammlung zu weiteren Stellungnahmen und Presseartikeln:

  • „Hausdurchsuchung in der Roten Straße / Demo am 30.1.“ [Link]

Für den heutigen Samstag ist nun eine Demonstration angekündigt, die auf die Ereignisse aufmerksam machen und Protest und Widerstand gegen die Repressionsmaßnahmen transportieren soll (siehe Aufruf bei Indymedia).

Der explodierte Wasserkocher

Die Ereignisse weisen durchaus einige Unklarheiten auf. Ob ein Spürhund noch nach mehreren Tagen bei eisigen Temperaturen eine Fährte verfolgen kann, sei mal dahingestellt. Und ob bei der polizeilichen Maßnahme in der Roten Straße von der Polizei rechtliche Standards eingehalten wurden, wird sich gerichtlich klären lassen müssen. Indes bemerkenswert ist, dass die Polizei nach dem Brand im Kreishaus gleich von einem Brandanschlag sprach, während sie bei dem Brand im Göttinger Afroshop im Jahr 2008 einen möglichen Brandanschlag von Rechten von vornherein ausschloss und einen technischen Defekt vermutete. Und wie ist die Tatsache zu bewerten, dass es kurz nach dem Brand im Kreishaus eine interne Mitteilung der Behörde gab, in der von einem „explodierten Wasserkocher“ die Rede ist (siehe Artikel beim Göttinger Stadtinfo / Goest)?

Wie steht es mit dem in den Räumen aufgefundenen Flugblatt gegen Abschiebungen? Gilt dies der Polizei als Anhaltspunkt für einen politischen Anschlag? War es evtl. sogar das „Beweisstück“, mit dem der Spürhund die Witterung aufnahm? Die Behörde war vor einiger Zeit Ziel einer politischen Aktion, bei der AktivistInnen die Räume für kurze Zeit besetzt hielten. Natürlich wurden hier somit auch Flugblätter hinterlassen bzw. für einen Spürhund ggf. wahrnehmbare Fährten.

In welche Richtung die Polizei jeweils ermittelt und wie sie ihr Vorgehen in der Öffentlichkeit präsentiert, ist jedenfalls kein Zufall und von konkreten Interessen geleitet. Das Ausspähen linker Strukturen kommt den Sicherheitsorganen immer gelegen.

Gegen die Kriminalisierung antirassistischer Politik!

Bei den Geschehnissen darf nicht übersehen werden, in welchem Rahmen die aktuellen Auseinandersetzungen stattfinden. Zur Zeit sind im Landkreis Göttingen nach Angaben von Flüchtlingsorganisationen bis zu 500 Roma von der Abschiebung bedroht, davon 64 akut.1 Konkrete Proteste von AbschiebungsgegnerInnen sind den Behörden ein Dorn im Auge. Und so liegt es auf der Hand, dass hier versucht werden soll, engagierte antirassistische Politik zu kriminalisieren und legitimen Protest gegen die rassistischen Zustände mundtot zu machen.

  1. Vgl. Artikel zu Protesten gegen Abschiebungen bei Monsters of Göttingen: „Wegen Abschiebung: Amtsgericht blockiert“ vom 21.01.2010 [Link] und „Protest gegen Abschiebung im Kreishaus“ vom 29.01.2010 [Link].[zurück]
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4 Antworten auf “Göttingen: Hausdurchsuchung in linker WG”


  1. 1 hw 30. Januar 2010 um 19:45 Uhr

    Rechtstechnisch würde es mich übrigens auch mal interessieren, ob es haltbar ist, dass ein Richter seine Verantwortung auf einen Polizeihund delegiert und die Durchsuchung aller Wohnungen erlaubt, in die der Hund gerne möchte… Ich meine, demnächst ist es dann vielleicht auch ein Staatsschutz-Beamter, der eine feine Nase hat, der anschlagen und im Anschluss durchsuchen darf… Oder ’ne Drone…

  2. 2 Rogue 31. Januar 2010 um 13:22 Uhr

    Ich finde die Sache mit dem Spürhund auch irgendwie abstrus; das ist eigentlich oldschool, so Sherlock-Holmes-mäßig. Aber deutschen Staatsschutz-BeamtInnen würde ich dann doch nicht unterstellen, dass die mit einem Sherlock Holmes in der gleichen Liga spielen können. Soweit sind wir dann wohl (zum Glück) noch nicht, denke ich.

    Letztlich hat aber ein/e Richter/in ja die Erkenntnisse der ErmittlerInnen zu beurteilen, woraus auch immer die sich ergeben, ob aus DNA-Untersuchungen, Observationen, ZeugInnen-Aussagen, Spürhunden, Ameisenbären, Bienenschwärmen oder Kaffeesatz lesenden Polizisten-Gattinnen. Am Schluss entscheidet der Richter/die Richterin über den Antrag auf Durchsuchung und müsste dann eigentlich beurteilen, auf welch absurde Weise manche Erkenntnisse zustande gekommen sind, und das dann auch bei der Entscheidung berücksichtigen. Aber die Verantwortung wird insofern ja nicht abgegeben.

    Dass dann in der Praxis RichterInnen einfach so gut wie jedem Antrag ohne intensivere Prüfung entsprechen, steht auf einem anderen Blatt. Das BVerfG hat diese Praxis auch bereits mehrfach kritisiert. Dazu hatte ich vor einiger Zeit mal was geschrieben:

    „Razzien überwiegend rechtswidrig“ (vom 01.01.2008)

    Dass hier ein Hund einfach vorgeben soll, in welche Wohnungen die BeamtInnen dürfen und der richterliche Beschluss quasi ne Blanko-Vollmacht darstellt, halte ich für problematisch. Ist kein un-spannender Aspekt, den du hier ansprichst. Interessant hier ist ja vielleicht auch, wer eigentlich entscheidet, dass der Hund gerade vor der und der Tür angeschlagen hat. Dann weiß der/die Hundeführer/in wohl gleich, wenn Rex schwer zu atmen beginnt und seine Nase mehrfach auf den Boden tippt, dass hier dann ein Volltreffer sein muss. Im Zweifel hat der Hund dann eben vor jeder Tür im Haus bzw. in jedem Zimmer angeschlagen.

    Naja, vielleicht hat der/die entsprechende Richter/in ja ein Faible für Hunde.

  3. 3 hw 01. Februar 2010 um 0:37 Uhr

    Ich wette, ein ordentlicher Hundeführer kann seinem Hund auch quasi unbemerkt das Kommando geben, anzuschlagen. Er muss dem Hund ja nur klarmachen, dass das nötig ist, um zu seinem Spielzeug zu kommen. Würde der Hundeführer natürlich nieeee tun…

  4. 4 Rogue 01. Februar 2010 um 16:34 Uhr

    Diesbezüglich interessant und sehr lesenwert ist das Interview mit Sven Adam, dem Rechtsanwalt der Betroffenen aus der Roten Straße. Darin u.a.:

    Den Betroffenen wurde es aber verweigert, bei der Begehung des gesamten Hauses mit den Hunden überhaupt zugegen zu sein. Bisher entzieht es sich also meiner Kenntnis und der Kenntnis der Beschuldigten, ob überhaupt und wie die Hunde tatsächlich angeschlagen haben.

    Das ganze Interview bei Monsters of Göttingen:

    • „Hausdurchsuchung: Das sagt der Anwalt“ [Link]
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