Studie widerlegt Wahlkampf-Mythen über Jugendkriminalität

Vergangene Woche wurde über die Ergebnisse einer Studie berichtet, die sich mit Jugendkriminalität beschäftigt. Die Langzeituntersuchung wird von WissenschaftlerInnen aus Münster und Bielefeld durchgeführt1, siehe Pressemitteilung des Forschungsteams vom 11.09.2008. Die Studie …

… widerlegt die verbreitete, gerne auch von konservativen und rechten Politikern geäußerte Meinung, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund krimineller und vor allem gewalttätiger als deutsche seien. Bis zum Alter von 17 Jahren haben allerdings drei Fünftel der Jugendlichen mindestens einmal eine kriminelle Tat begangen, wobei es sich allerdings meist um leichte Straftaten handelt, immerhin werden aber noch von einem Drittel auch Gewaltdelikte wie Körperverletzungen und Raubdelikte genannt. Interessant ist, dass dieses Ausreizen der Spielräume schon nach einem steilen Anstieg am Ende des Kindesalters mit 15 Jahren schon wieder zurück [geht].
[Quelle: telepolis vom 12.09.2008]

Dass ein Großteil der Jugendlichen mindestens einmal eine kriminelle Tat begangen hat, stützt die sog. Ubiquitätsthese, wonach Kriminalität eine normale gesellschaftliche Erscheinung ist. Im Lernprozess hinsichtlich sozialer Normen zeigen Jugendliche auch abweichendes Verhalten, sie testen Grenzen aus. Irgendwann ist das aber auch wieder vorbei. Der Kriminologe Prof. Dr. Klaus Boers, Mitautor der Studie, dazu im taz-Interview vom 13.09.2008:

Die Jugendlichen wollen Grenzen austesten. Sie klauen vielleicht mal im Supermarkt, aber sie lernen relativ schnell, was geht und was nicht. Die allermeisten hören von alleine wieder auf.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Studie ist der Zusammenhang zwischen Kriminalität und Herkunft der Delinquenten:

Eines der Ergebnisse der ersten Auswertung ist, dass jugendliche Migranten nicht pauschal krimineller sind. Abgesehen von Gewaltkriminalität seien jugendliche Migranten sogar weniger kriminell als die deutschen. Bei der Gewalt von Jugendlichen, die nach Ansicht von Klaus Boers nicht zunimmt, wie er in einem Interview sagte, sondern nur wegen erhöhter Anzeigebereitschaft häufiger in den Statistiken auftaucht, hänge dies etwa auch von den Migrantengruppen ab. Wenn man sich die soziale Situation betrachtet, seien allgemein die Unterschiede im Hinblick auf die Ausübung von Gewalt zwischen deutschen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gering: „Eine erhöhte Verbreitung von Gewalt findet sich meist unter den sozial Schwächeren, mit weniger Bildung, aus benachteiligten Wohnvierteln und mit schlechteren Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt“, so Klaus Boers.
[Quelle: telepolis vom 12.09.2008]

Ausländische Jugendliche sind nicht gewalttätiger als deutsche. Wobei diese Erkenntnis nun auch nicht so wahnsinnig neu ist, nur wird es eben im öffentlichen Diskurs anders wahrgenommen, vor allem in Wahlkämpfen wird die Mär von den überaus gewaltbereiten ausländischen Jugendlichen kräftig befeuert.

Prof. Dr. Boers äußert sich im o.g. taz-Interview auch noch zu den möglichen Reaktionen auf Straftaten von Jugendlichen und verweist auf den Zusammenhang zwischen Haftstrafe und Rückfallquote:

Mit harten Strafen sollte man vorsichtig umgehen. Wir müssen die Leute soweit wie möglich aus dem Jugendstrafvollzug heraushalten. Haftstrafen ziehen hohe Rückfallquoten von 70 bis 80 Prozent nach sich. Die gute Nachricht unserer Untersuchung ist, dass auch bei Intensivtätern nicht alle Hoffnung verloren ist. Im Gegenteil: Die Bedingungen für Sozialpädagogik oder Bildungsangebote sind sehr gut.

Dass der öffentliche Diskurs nachhaltig beeinflusst wird durch eine solche Studie, muss leider bezweifelt werden. Der nächste Wahlkampf kommt bestimmt.

  1. Die ForscherInnen haben im letzten Jahr ihre Ergebnisse über eine andere Studie zu Delinquenz im Jugendalter veröffentlicht, siehe Rezension bei socialnet.[zurück]
Share and Enjoy:
  • Twitter
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • Identi.ca
  • Posterous
  • Tumblr
  • email
  • Print
  • PDF
  • RSS